Wie Augenbewegungen die Wahrnehmung bestimmen

ERC Starting Grant für Prof. Dr. Alexander Schütz und sein Projekt PERFORM – Gelebte Forschungsallianz: Seine erfolgreichen Arbeiten an der Universität Gießen setzt der Psychologe seit dem Wintersemester 2015/16 an der Universität Marburg fort.

Prof. Dr. Alexander Schütz

– Foto: Georg Kronenberg

Gemeinsame Pressemitteilung der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen


Nr. 241 18. Dezember 2015
 
Wie verändern Augenbewegungen unsere Wahrnehmung? Was bestimmt, worauf wir unseren Blick richten? Diesen und zahlreichen weiteren Fragen geht der Psychologe Prof. Dr. Alexander Schütz nach. Für seine vielversprechenden Forschungen zum Zusammenhang von visueller Wahrnehmung und Augenbewegungen, die er an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) begonnen hat und seit dem laufenden Wintersemester auf einer Professur für Allgemeine Psychologie an der Philipps-Universität Marburg (UMR) fortsetzen kann, wird Prof. Schütz jetzt mit einem ERC Starting Grant belohnt.

Die Bewilligung des Projekts Calibration and integration of peripheral and foveal information in human vision (Kalibrierung und Integration von visueller Information aus dem peripheren und zentralem Gesichtsfeld) durch den Europäischen Forschungsrat (European Research Council, ERC) ist eine große persönliche Anerkennung für Prof. Schütz. Sie zeigt aber zugleich, dass erfolgreiche wissenschaftliche Forschung nur unter geeigneten Rahmenbedingungen möglich ist, wie sie in gemeinschaftlicher Anstrengung in Mittelhessen geschaffen wurden. „Der Erfolg von Prof. Schütz ist damit zugleich ein weiterer Beleg dafür, dass die Forschungsallianz der Universitäten Gießen und Marburg ein Erfolgsmodell ist, das die nötigen Strukturen schafft und von ihren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit Leben gefüllt wird“, erklärt JLU-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee, der dem Psychologen zu diesem Erfolg herzlich gratuliert. Die Präsidentin der Philipps-Universität Marburg, Prof. Dr. Katharina Krause, ergänzt: „Die  Forschungsallianz bietet offensichtlich einen guten Rahmen für die Entwicklung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Ich gratuliere Prof. Schütz ebenfalls sehr herzlich zu seinem großartigen Erfolg.“   
In dem ERC-Projekt mit einer Gesamtsumme von rund 1,4 Millionen Euro mit dem Kurztitel PERFORM, das von der JLU aus beantragt wurde, an der UMR bearbeitet wird und auf fünf Jahre angelegt ist, geht es darum, wie visuelle Information aus dem peripheren und zentralem Gesichtsfeld kombiniert wird. Das Gesichtsfeld beschreibt den Teil der visuellen Umwelt, der ohne Bewegung der Augen wahrgenommen werden kann. Es schließt das zentrale und das periphere Sehen ein.


„99 Prozent der Forschungen in der visuellen Wahrnehmung beschäftigen sich mit dem zentralen Gesichtsfeld, das zwar eine hohe Sehschärfe erlaubt, jedoch nur ein Prozent unseres gesamten Gesichtsfeldes ausmacht“, erklärt Prof. Schütz: „Obwohl im peripheren Gesichtsfeld nur grobe Konturen wahrgenommen werden können, ist es insbesondere wichtig für die Navigation durch unsere Umwelt.“ Im ERC-Projekt wird er sich daher dem komplexen Zusammenspiel von zentralem und peripherem Gesichtsfeld bei der Wahrnehmung widmen.


Die Verarbeitung in der Netzhaut und im Gehirn unterscheidet sich deutlich zwischen zentralem und peripherem Gesichtsfeld, erläutert der Psychologe. Dennoch ändere sich für den Menschen die Wahrnehmung eines Objektes nicht, wenn es durch Augenbewegungen aus dem peripheren in das zentrale Gesichtsfeld gebracht wird. „Wir nehmen unsere visuelle Umgebung homogen wahr und bemerken nicht die ständige Veränderung des räumlichen Auflösungsvermögens, die durch Augenbewegungen entsteht.“ Dies bedeute, dass periphere Information vor und zentrale Information nach einer Augenbewegung kalibriert und integriert werden müssen.


In dem ERC-Projekt soll diese Feststellung unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden: Welche Rolle spielen Aufmerksamkeits- und Gedächtnisressourcen für die Integration von Informationen? Wie unterstützen Lernprozesse die Anpassung an Veränderungen in zentralem oder peripherem Sehen, die durch Erkrankungen entstehen können? Die Ergebnisse dieses Projektes werden neue Einblicke liefern, wie das Gehirn eine stabile und homogene Repräsentation unserer visuellen Umwelt erzeugt, obwohl die Verarbeitung visueller Information über das Gesichtsfeld hinweg stark variiert.


Wissenschaftliche Laufbahn
Prof. Alexander Schütz, Jahrgang 1980, hat von 2000 bis 2006  an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Psychologie studiert und sein Studium mit einer Diplomarbeit bei der AUDI AG abgeschlossen. 2006 wechselte er an die JLU, wo er bis Ende September 2015 zunächst als Doktorand, später Postdoc bzw. zuletzt Akademischer Rat in der Abteilung Allgemeine Psychologie von Prof. Dr. Karl R. Gegenfurtner tätig war. Mehrere Forschungsaufenthalte führten ihn nach Genf und Pisa.


Der Werdegang von Prof. Schütz zeigt beispielhaft, dass die wissenschaftliche Vernetzung innerhalb der Forschungsallianz der Universitäten Gießen und Marburg eine Win-win-Situation schafft – sowohl für den einzelnen Wissenschaftler als auch für beide Institutionen. Von 2006 bis 2008 war Schütz Doktorand in der gemeinsamen Forschergruppe „Wahrnehmung und Handlung“ von JLU und UMR, von 2007 bis 2008 Kollegiat im gemeinsamen Graduiertenkolleg „Neuroact“ der beiden mittelhessischen Universitäten. Es folgten 2008 die Promotion und 2013 die Habilitation an der JLU. Seit April 2014 ist Schütz Teilprojektleiter im gemeinsamen Sonderforschungsbereich „Kardinale Mechanismen der Wahrnehmung“ von JLU und UMR. Seit Anfang Oktober forscht und lehrt Schütz als Professor für Allgemeine Psychologie an der UMR. Er hat die Ergebnisse seiner Forschungsarbeiten u.a. in Nature Neuroscience und Proceedings of the National Academy of Sciences publiziert.


ERC Starting Grants


Die Nationale Kontaktstelle zum Europäischen Forschungsrat (European Research Council, ERC) wird gemeinsam vom EU-Büro des BMBF (im DLR Projektträger) und der Kooperationsstelle EU der Wissenschaftsorganisationen (KoWi) betreut. Mit den ERC Starting Grants werden vielversprechende Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler gefördert, die bereits eine wissenschaftliche Erfolgsbilanz (Publikationen, Auszeichnungen etc.) nachweisen können, eine eigene unabhängige Karriere starten und eine eigene Arbeitsgruppe aufbauen möchten.

  • Weitere Informationen:    


Fachbereich 04, Psychologie Philipps-Universität Marburg
AG Allgemeine und Biologische Psychologie
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